Aktive Erholung für Jedermann

Bis ins 18. Jahrhundert waren Parkanlagen fest in feudaler Hand. Sie dienten dem Adel als Rückzugsraum zum Lustwandeln und als Mittel zur Repräsentation. Im Zuge der Aufklärung begann man, die Parks auch für Bürger zu öffnen. Vorreiter war England, wo die sozialen Probleme, vor allem in den Arbeiterstädten, besonders groß waren. Man glaubte, dass die Gartenkunst ein geeignetes Mittel zur Verbesserung der Arbeitsmoral bei den Arbeitern sei. Außerdem begann man im Laufe des 18. Jahrhunderts, öffentlich zugängliche Parkanlagen mit einem Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verschmelzen. Für die Bildung waren Statuen, Denkmäler, lehrreiche Inschriften und naturwissenschaftliches Anschauungsmaterial gedacht, die Bewegung an der frischen Luft wiederum sollte von den städtischen Lastern kurieren und die Volksgesundheit erhalten. 

Entwurf des Volks- und Waldparks von Ernst Harrich von 1924. (Archiv Museen Treptow-Köpenick)
Badevergnügen für Jedermann im "Planschteich am Strand" (siehe Nr. 14 im Plan) auf der großen Waldwiese im Volks- und Waldpark Wuhlheide.(Archiv Museen Treptow-Köpenick)

Folgen der Industrialisierung in Deutschland

Dieses Konzept schwappte schon bald auf den Kontinent hinüber. Denn auch in Deutschland kam es mit der Reichsgründung zu einem explosionsartigen Wachstum der Industrie. Die Städte wuchsen sprunghaft, Krankheiten brachen aus und die männliche Jugend war zunehmend untauglich für den Militärdienst. Um den Erholungsbedarf der Bevölkerung zu befriedigen und Unruhen vorzubeugen, wurden zunächst die Arbeitszeiten verkürzt. 1891 erging das Verbot der Sonntagsarbeit, das mit einer verstärkten Nutzung der städtischen Grünanlagen verbunden war. Die plötzlich zur Verfügung stehende Freizeit verbrachten viele Arbeiter in Gesangs-, Sport-, Wander- und anderen Vereinen. Um die Wehrtüchtigkeit zu stärken, wurden sportliche Aktivitäten ab 1891 besonderes gefördert. Damit war auch ein neuer Parktyp gefragt: der Volkspark.

Die ersten Parks für alle

Der erste Volksgarten nach dem Vorbild des „Hyde Park“ und des „Kensington Garden“ in London entstand ab 1789 mit dem „Englischen Garten“ in München. Der erste kommunale Park Berlins war der Friedrichshain, der Mitte des 19. Jahrhunderts unter der Leitung des Gartenarchitekten Gustav Meyer gestaltet wurde. Wenige Jahre später, 1869, entwickelte selbiger mit dem Humboldthain die erste Volksgartenanlage nach dem Vorbild des Central Park in New York. 

Gleichzeitig schuf sich das erstarkende Bürgertum eigene Erholungsräume. Man flanierte auf den Wallanlagen, machte Spaziergänge vor den Toren der Stadt und tummelte sich auf Volkswiesen. Peu à peu entstanden in den Städten dann auch privat finanzierte, öffentlich zugängliche, bürgerliche Parkanlagen wie z. B. der Bremer Bürgerpark 1866. Um 1900 herum gab es in jeder größeren Stadt einen Stadtpark. 

Wichtigste Elemente des Volksparks

Die Parkgestaltung der Folgezeit bemühte sich um einen reformerischen, funktionalen Gartenstil. Während im bürgerlichen Park das Genießen im Vordergrund stand, wurde jetzt die Inbesitznahme durch Betätigung propagiert. Eine Riege moderner Gartenarchitekten, Architekten und Künstler trat an, um den Park im Sinne einer alle Lebensbereiche umfassenden Reformbewegung neu zu denken. Im Vordergrund standen die Aspekte körperliche Ertüchtigung und Gesundheit. Das „freie Tummeln auf den Wiesen“, wie es einige dieser Reformer schon früher auf den Volkswiesen vor den Toren der Stadt beobachtet hatten, entwickelte sich zum Ideal des Volksparks. Nachdem bekannt wurde, dass im Kampf gegen die Tuberkulose Ernährung, körperliche Verfassung, frische Luft und Sonnenlicht eine wichtige Rolle spielen, nahm diese Entwicklung noch einmal Fahrt auf. Bestimmendes Parkelement war nun die Spiel- und Bürgerwiese. Wege wurden auf ein Minimum reduziert, natürliche Gegebenheiten erhielten eine nützliche Funktion: Hügel wurden zu Rodelbergen, Gewässer zu „Planschen“ und Schlittschuhbahnen, Pavillons zu Stillstuben oder zum Milchausschank und Gartenbühnen zum Ort der Traditionspflege mit Gesang und Tanz. All diese Elemente fanden sich wenig später auch in der Planung des Volkspark Wuhlheide wider.

Literatur:

  • Hennecke, Stefanie: „Der Volkspark für die Gesundung von Geist und Körper – Das ideologische Spannungsfeld einer bürgerlichen Reformbewegung zwischen Emanzipation und Disziplinierung des Volkes“. In Buch: Gärten und Parks als Lebens- und Erlebnisraum: Funktions- und nutzungsgeschichtliche Aspekte der Gartenkunst in Früher Neuzeit und Moderne. Stefan Schweizer (Hg.), Worms: Wernersche Verlagsanstalt, 2008, S. 151-164. 
  • Kämmerer, Christine, Sportparks: Großsportanlagen der 1920er Jahre, Marburg 2016, S. 77 – 91
  • Bert Beitmann, Gartenkunst: www.gartenkunst-beitmann.de/weiter.php?buch=1&kap=48